Salze Klinik


Sie sind hier: HomeAktuellesMeldungen

Meldungen

28.06.11

Die neue Abteilung ''Psychosomatik'' in der Salze Klinik Bad Salzdetfurth

mit Ihrem Chefarzt Dr. med. Hans-Jürgen Hentschel stellt sich vor

Dr. med. Hans-Jürgen Hentschel, Chefarzt

Die Abteilung Psychosomatik, die im April ihren Betrieb aufgenommen hat,  hat drei Behandlungsschwerpunkte:

  • Somatoforme und Schmerzstörungen
  • Angst- und Depressive Störungen
  • Folgen von sozialen Problemsituationen.

Mit einem interdisziplinären integrativen medizinisch-psychosomatisch-psychotherapeutischen Konzept wird eine moderne Behandlung durchgeführt. Nach der Diagnostik auch unter Gesichtspunkten der psychischen Struktur (1) wird Ich-Funktions- und strukturentwickelnd mit den Rehabilitandinnen und Rehabilitanden gearbeitet. In drei Therapiephasen wird unterschiedlich vorgegangen:

1.Therapiephase: nach Psychodiagnostik das Erarbeiten neuer Fähigkeiten;
2.Therapiephase: Problemklärung und Problembewußtmachung;
3.Therapiephase: Erarbeitung neuer Lösungsansätze.

Zur Einführung in die Therapie bekommen die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden die im Folgenden zusammengefassten schriftlichen Informationen der Abteilung Psychosomatik der Salze Klinik in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim.  Damit setzen wir viel Wert auf einem psychoedukativen Ansatz. Im Allgemein zielen edukative Ansätze in der psychosomatischen Rehabilitation darauf, „den Patienten zum Experten seiner eigenen Krankheit werden zu lassen, Ressourcen Aktivitäten und Selbsthilfemöglichkeiten zu fördern und ihn mit den Grundlagen seiner eigenen Erkrankung vertraut zu machen.“(2)
Unsere Erfahrung zeigt, dass Patienten den psychoedukativen Einstieg in die Therapie schnell in den Therapien mit Erleben und Bewusstwerden von Erleben internalisieren. Somit hat sich diese  Strategie sehr bewährt. 
Integrierter Bestandteil des Ansatzes ist das Zuordnen von sogenannten „Patinnen“ bzw. „Paten“ (zwei in der Therapie fortgeschrittene Mitpatienten) und der mindestens zweimalige Austausch pro Woche mit diesen über den gesamten Therapieverlauf.  Dieser Austausch hilft ebenso beim Einstieg in die Therapie und intensiviert diese im Verlauf. Der Einsatz von „Patinnen“ bzw. Paten kann eine sinnvolle Ergänzung umfassenderer Schulungskonzepte (3) sein, auch wegen möglichen Lern- oder Intensivierungseffekte für die Paten.

Was verstehen wir unter „psychosomatischer Therapie“?
Die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden lernen den Zusammenhang zwischen Symptomen, Körperreaktionen, Gefühlen und ihrer Lebenssituation (4,5) zu verstehen und dann Veränderungen vorzunehmen, die dieses Zusammenspiel so verbessern, dass weniger Symptome auftreten. Dazu muss man bewussteres Erleben lernen:

Was verursacht oder verstärkt Körpersymptome?
Nach epidemiologischen Untersuchungen  hat 75 % bis 80 % der Bevölkerung mindestens einmal im Monat körperliche Beschwerden, denen keine objektive körperliche Erkrankung zu Grunde liegt (6). Untersuchungen zeigen, dass länger dauernde „unerklärte“ körperliche Beschwerden der häufigste Grund für das wiederholte Aufsuchen eines Hausarztes ist. (7)

Wie entstehen solche körperlichen Beschwerden?
Das folgende Reaktionsmodell des Menschen soll Ihnen helfen, dies zu verstehen und sich klar zu machen, wie die Menschen grob zusammengefasst funktionieren (8):

siehe Abb. 1 "Funktionsmodell des Selbst", Quelle: Hentschel, H.-J 1999,  in der Bildergalerie

Wir vermitteln den Rehabilitandinnen und Rehabilitanden folgendes:
„Auch der gesunde Körper eines Menschen reagiert immer, wenn Gefühle intensiv sind oder sich ändern. Jeder Mensch reagiert - sie haben das selbst sicher schon erlebt - wenn er sich sehr freut, auch körperlich bei manchen Menschen schlägt dann das Herz schneller (hüpft vor Freude), manche Menschen fühlen sich dann körperlich leichter und beschwingter, bei manchen ist die Atmung freier und tiefer, manche berichten, dass sie sich richtig wärmer und entspannter fühlen, manche berichten von einer kribbeligen Unruhe im Bauch. Das körperliche Reaktionsmuster bei Freude ist bei jedem  Menschen individuell etwas anders, wird meist aber  als angenehm erlebt. Gefühle wie Enttäuschung, Trauer, Ärger, Ekel, Scham, .... gehen auch mit Körperreaktionen einher, die von der Intensität sehr intensiv, störend, leidvoll oder ängstigend erlebt werden können. Wenn Gefühle plötzlich sehr stark sind und von ihnen bewusst erlebt werden, sind die dazugehörigen Körperreaktionen verständlich. Es ist aber auch möglich, dass Gefühle nicht so stark sind, dass sie bewusst erlebt werden, vielleicht weil unsere Aufmerksamkeit durch Aktivitäten voll in Beschlag genommen ist. Trotzdem laufen die körperlichen Reaktionen immer ab, die zu diesen Gefühlen gehören. Manchmal fängt dann der Körper an einer Stelle plötzlich an zu reagieren, wenn etwas passiert ist, was vielleicht gar nicht sehr intensiv war, aber den“ Eimer zum Überlaufen“ gebracht hat. Dazu reicht, wie sie wissen, auch ein kleiner Tropfen, den man vielleicht gar nicht sieht.  Körperliche Reaktionen, die stark werden können bis zu leidvollen Körpersymptomen, treten immer dann auf, wenn Gefühle intensiv sind oder sich ändern. Gefühle werden ausgelöst durch Situationen, die Sie wichtig nehmen. Ihr eigenes Verhalten oder Verhalten und Handlungen von anderen Menschen in Situationen lösen die Gefühle aus. Welche Gefühle in einer Situation auftreten, hängt jedoch von Ihren Gedanken dabei, dadurch ausgelösten Erinnerungen oder ihren  Ansprüchen, Bewertungen  und Einstellungen ab, die Sie durch ihre Lebens-erfahrungen erworben haben und mit denen Sie diese Situation zu bewältigen versuchen“.

Vereinfacht kann man sagen: als Erstes ist es wichtig, das ein Patient lernt, bei welchem Gefühl sein Körper und sein Symptom am ehesten reagiert (1. Therapieschritt). Dann kann man nach und nach vielleicht verstehen lernen, warum es zu den ganzen körperlichen Beschwerden gekommen ist (4). Dazu bieten wir Ihnen durch unser Therapieprogramm an, mit Ihnen gemeinsam auf die Suche zu gehen, wie eventuell Gefühle oder Ereignisse sich auf Ihren Körper und so vielleicht auf Ihre Symptome auswirken können.

Hierzu führen die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden ab dem Beginn der Behandlung ein Symptomtagebuch nach folgendem Schema:
Datum   
Körperreaktionen: Wo, Intensität 1-10, Qualität, Dauer,.....  
Gefühle: Enttäuschung, Angst, Ärger, Trauer,
Neugier, Hoffnung, Freude,.....   
Situation: Wann – wo – was tue ich.....   
Gedanken, Bewertungen oder ausgelöste Erinnerungen.

Die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden sollen mehrmals täglich bewusst beobachten, ob ihre Körperreaktionen intensiver oder weniger geworden sind und leidvolle Symptome spürbar sind. Sie sollen dann protokollieren, wie sie sich gerade fühlen und wie ihr Hauptgefühl in dieser Situation ist. Dann sollen sie sich klar machen, welche Gedanken oder Einstellungen ihr Verhalten in dieser Situation gelenkt haben.
Dieses sich intensiv Beobachten durch die Therapien und das vermehrte gedankliche Beschäftigen mit dem Schwierigen, was die Patientinnen bzw. Patienten zur Rehabilitation geführt hat, intensiviert ihre Gefühle, so dass ihre Symptome zu Therapiebeginn intensiver auftreten können. Dies kann leidvoll, eventuell ängstigend sein: Dann sollen die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden es dem Personal gegenüber ansprechen und sich dabei Hilfe holen. Denn dann ist dies für den Therapieverlauf hilfreich und nutzbar, führt zu schnelleren sowie klareren Erkenntnissen.

Die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden lernen von der ersten Woche an Übungen, mit denen sie sich selbst positiv regulieren und ihre Symptome und Gefühle beeinflussen lernen. Diese Übungen helfen nicht sofort intensiv (sonst brauchte man sie ja auch nicht zu üben), denn das „Regulationssystem“ ist ein „Gewohnheitssystem“: was man häufig macht, wirkt sich intensiver aus. Deshalb ist das regelmäßige Üben (jede Übung mindestens zweimal pro Tag durchführen) ein ganz wichtiger Therapiewirkfaktor.
 
Wenn die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden mit Hilfe der Therapeutinnen bzw. Therapeuten herausbekommen haben, bei welchem Gefühl oder welchen Gefühlen ihr Körper besonders reagiert, begehen sie gemeinsam den 2. Therapieschritt. die Therapeutinnen bzw. Therapeuten untersuchen und überlegen zusammen mit den Patientinnen bzw. Patienten, warum diese Gefühle in ihrem Alltagsleben im Moment zu intensiv oder zu lange am Tag auftreten, so dass der Körper überreagiert oder andere Symptome auftreten. Jeder Mensch ist durch seine Erlebnisse und Erfahrungen in seinen Gefühlsreaktionen geprägt, reagiert also auf einiges empfindsam, ist bei anderem unempfindlich. Das zu erkennen schafft Motivation und bringt sie sicher auf Ideen, was sie dazuzulernen und verändern können.

Beim 3. Therapieschritt reflektieren die Therapeutinnen bzw. Therapeuten zusammen mit den Patientinnen bzw. Patienten, was diese lernen oder in ihrem Alltagsleben verändern müssen, besonders in ihrer Arbeitssituation, damit die körperlichen und gefühlsmäßigen Überreaktionen wieder weniger werden und vielleicht irgendwann nicht mehr auftreten werden.

Die Therapeutinnen bzw. Therapeuten wollen die Patientinnen bzw. Patienten anregen, Fähigkeiten und Strukturen bei sich zu entwickeln, damit sie die an sie gestellten Anforderungen mit reduzierten Symptomen oder sogar ganz ohne Beschwerden bewältigen können.

Die therapeutische Aufgabe ist es, den Patientinnen bzw. Patienten auf den Weg helfen, dass sie ihre Symptome und das Körperreagieren nicht nur als Leid erleben, dem sie sich unkundig und damit passiv ausgeliefert fühlen, sondern dass sie erleben lernen, dass Symptome und Körperreagieren ein Signalsystem sind, auf das sie selbst aktiv und verändernd einwirken können.

Literatur:
(1) Rudolf G (2006) Strukturbezogene Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer.
(2) Paar GH, Grohmann S (2008) Medizinische Rehabilitation. In: Schmid-Ott G, Wiegand-Grefe S, Jacobi C, Paar G, Meermann R, Lamprecht F (Hrsg.), Rehabilitation in der Psychosomatik. Stuttgart: Schattauer, S. 32
(3) Schmid-Ott G, Petermann F. Psychoedukation – Gesundheitspsychologie und Patientenschulung. In: Schmid-Ott G, Wiegand-Grefe S, Jacobi C, Paar G, Meermann R, Lamprecht F (Hrsg.), Rehabilitation in der Psychosomatik. Stuttgart: Schattauer. S. 214-218.
(4) Hentschel H-J ( 2002) Somatoforme Störungen. Psychotherapeut 47, 152-156.
(5) Hentschel H-J (2002) „Die Beschwerden sind psychosomatisch“  -    Wie erkläre ich dies meinen Patienten?   -Niedersächsisches Ärzteblatt 9/2002.
(6) Siehe z.B. Eriksen HR, Svendsrod R, Ursin G, Ursin H. Prevalence of subjective health complaints in the Nordic European countries in 1993. European J of Public Health 1998; 8, 294-298.
(7) Karlsson H, Joukamaa M, Lahti I, Lehtinen V, Kokki-Saarinen T. Frequent attender profiles: Different clinical subgroups among frequent attender patients in primary care. J of Psychosomatic Research 1997; 42, 157-166.
(8) Hentschel H-J (1999) Die Nachbetreuungsgruppe. In: Kämmerer W (Hrsg.) Körpersymptom und Psychotherapie. VAS: Frankfurt/M.





 





 
zurück



Seite weiterempfehlen

Letzte Aktualisierung: 10.01.2012 ©  Lielje Gruppe