Psychosomatisches Behandlungskonzept
Psychosomatische Therapienangebote
Unsere Therapieangebote in der Psychosomatik stellen wir Ihnen hier in Kurzform vor:
- Psychosomatische Einzel- und Gruppengespräche (verhaltenstherapeutisch–tiefenpsychologisch fundiert, lösungsorientiert)
- Entspannungstechniken
- Selbstregulationstraining
- Physio- und Bewegungstherapie
- Ausdauertraining (Schwimmen, Walking etc.)
- Medizinische Trainingstherapie
- Körperwahrnehmende Bewegungstherapie
- Achtsamkeitsübungen
- Ergotherapie und kreative Verfahren
- Schmerztherapie
Therapeutisches Vorgehen
Die Abteilung Psychosomatik hat drei Behandlungs-Schwerpunkte für
- Somatoforme und Schmerzstörungen
- Ängstlich-depressive Störungen
- Folgen von sozialen Problemsituationen
Mit einem interdisziplinären integrativen medizinisch-psychosomatisch-psychotherapeutischen Konzept wird eine moderne Behandlung durchgeführt. Nach Diagnostik auch unter Gesichtspunkten der psychischen Struktur (4) wird Ich-Funktions- und strukturentwickelnd mit den Rehabilitantinnen gearbeitet. In drei Therapiephasen wird unterschiedlich vorgegangen:
1.Therapiephase: nach Psychodiagnostik Erarbeiten neuer
Fähigkeiten
2.Therapiephase: Problemklärung und Problembewußtmachung
3.Therapiephase: Erarbeitung neuer Lösungsansätze
Im Folgenden wird die Einführung der Rehabilitantinnen in die Therapie dargestellt, wie Sie diese in schriftlichen Form ausgehändigt bekommen:
Liebe Rehabilitantin, lieber Rehabilitant!
Ihre Rentenversicherung hat Ihnen in unserer Klinik eine psychosomatischen Therapie bewilligt, um Ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen. Damit Sie die Therapie von Anfang an gut nutzen können, wollen wir Ihnen eine Einführung in die Therapie geben.
Was ist „psychosomatische Therapie“?
Sie lernen den Zusammenhang zwischen Symptomen, Körperreaktionen, Gefühlen und Ihrer Lebenssituation (2,3) zu verstehen und dann Veränderungen vorzunehmen, die dieses Zusammenspiel so verbessern, das weniger Symptome auftreten. Dazu muss man erleben lernen:
Was verursacht oder verstärkt Körpersymptome?
Nach Untersuchungen (epidemiologischen Daten) haben 80% der Bevölkerung mindestens einmal pro Woche körperliche Beschwerden, denen keine körperliche Erkrankung zu Grunde liegt. Wenn aber eine körperliche Erkrankung mit Symptomen vorliegt, werden diese Symptome durch solche körperliche Beschwerden verstärkt. Nach vielfältigen Untersuchungen haben 20 bis 40 % der Patienten in der Hausarztpraxis längerdauernde körperliche Beschwerden, ohne das eine körperliche Krankheit vorliegt.
Wie entstehen solche körperlichen Beschwerden?
Das folgende Reaktionsmodel des Menschen soll Ihnen helfen, dies zu verstehen und sich klar zu machen, wie wir Menschen im allgemeinen so funktionieren und wie Sie selbst besonders und speziell funktionieren (1):
„Auch der gesunde Körper eines Menschen reagiert immer, wenn Gefühle intensiv sind oder sich ändern. Jeder Mensch reagiert - Sie haben das selbst sicher schon erlebt - wenn er sich sehr freut, auch körperlich mit: Manchen Menschen schlägt dann das Herz schneller (hüpft vor Freude), manche Menschen fühlen sich dann körperlich leichter und beschwingter, bei manchen ist die Atmung freier und tiefer, manche berichten, dass sie sich richtig wärmer und entspannter fühlen, manche berichten von einer kribbeligen Unruhe im Bauch. Das körperliche Reaktionsmuster bei Freude ist bei jedem Menschen individuell etwas anders, wird meist aber als angenehm erlebt. Gefühle wie Enttäuschung, Trauer, Ärger, Ekel, Scham, .... gehen auch mit Körperreaktionen einher, die von der Intensität sehr intensiv, störend, leidvoll oder ängstigend erlebt werden können. Wenn Gefühle plötzlich sehr stark sind und von ihnen bewusst erlebt werden, sind die dazugehörigen Körperreaktionen verständlich. Es ist aber auch möglich, dass Gefühle nicht so stark sind, dass sie bewusst erlebt werden, vielleicht weil unsere Aufmerksamkeit durch Aktivitäten voll in Beschlag genommen ist. Trotzdem laufen die körperlichen Reaktionen immer ab, die zu diesen Gefühlen gehören. Manchmal fängt dann der Körper an einer Stelle plötzlich an zu reagieren, wenn etwas passiert ist, was vielleicht gar nicht sehr intensiv war, aber den“ Eimer zum Überlaufen“ gebracht hat. Dazu reicht, wie Sie wissen, auch ein kleiner Tropfen, den man vielleicht gar nicht sieht“.
„Körperliche Reaktionen, die stark werden können bis zu leidvollen Körpersymptomen, treten immer dann auf, wenn Gefühle intensiv sind oder sich ändern. Gefühle werden ausgelöst durch Situationen, die Sie wichtig nehmen. Ihr eigenes Verhalten oder Verhalten und Handlungen von anderen Menschen in Situationen lösen die Gefühle aus. Welche Gefühle in einer Situation auftreten, hängt jedoch von Ihren Gedanken dabei, dadurch ausgelösten Erinnerungen oder ihren Ansprüchen, Bewertungen und Einstellungen ab, die Sie durch ihre Lebenserfahrungen erworben haben und mit denen Sie diese Situation zu bewältigen versuchen“.
Vereinfacht kann man sagen: als Erstes ist es wichtig, dass ein Patient lernt, bei welchem Gefühl sein Körper und sein Symptom am ehesten reagiert (1. Therapieschritt). Dann kann man nach und nach vielleicht verstehen lernen, warum es zu den ganzen körperlichen Beschwerden gekommen ist (2). Dazu bieten wir Ihnen durch unser Therapieprogramm an, mit ihnen gemeinsam auf die Suche zu gehen, wie eventuell Gefühle oder Ereignisse sich auf Ihren Körper und so vielleicht auf Ihre Symptome auswirken können.
Hierzu führen sie von jetzt an ein Symptomtagebuch nach folgendem Schema :
Körperreaktionen
Wo, Intensität 1-10, Qualität, Dauer,.....
Gefühle
Enttäuschung, Angst, Ärger, Trauer,
Neugier, Hoffnung, Freude,.....
Situation
Wann – wo – was tue ich.....
Gedanken
Oder ausgelöste Erinnerungen, Bewertungen......
„Sie sollen mehrmals täglich bewusst beobachten, ob Ihre Körperreaktionen intensiver oder weniger geworden sind und leidvolle Symptome spürbar sind. Protokollieren Sie dann, wie Sie sich gerade fühlen, Ihr Hauptgefühl in dieser Situation. Dann sollen Sie sich klar machen, welche Gedanken oder Einstellungen Ihr Verhalten in dieser Situation gelenkt haben.
Dieses sich intensiv Beobachten durch die Therapien und das vermehrte gedankliche Beschäftigen mit dem Schwierigen, was Sie zur Rehabilitation geführt hat, intensiviert Ihre Gefühle, so dass Ihre Symptome zu Therapiebeginn intensiver auftreten können. Dies kann leidvoll, eventuell ängstigend sein: sprechen Sie es uns gegenüber an und holen Sie sich dabei Hilfe bei uns. Denn dann ist dies für den Therapieverlauf hilfreich und nutzbar, führt zu schnelleren sowie klareren Erkenntnissen.
Sie lernen von der ersten Woche an Übungen, mit denen Sie sich selbst positiv regulieren und Ihre Symptome und Gefühle beeinflussen lernen. Dies Übungen helfen nicht sofort intensiv (sonst brauchte man sie ja auch nicht zu üben), denn unser „Regulationssystem“ ist ein „Gewohnheitssystem“: was man häufig macht, wirkt sich intensiver aus. Deshalb ist das regelmäßige Üben (jede Übung mindestens zweimal am Tag machen) ein ganz wichtiger Therapiewirkfaktor.
Wenn Sie mit unserer Hilfe herausbekommen haben, bei welchem Gefühl oder welchen Gefühlen Ihr Körper besonders reagiert, ist ein 2. Therapieschritt, das wir mit ihnen untersuchen und überlegen, warum diese Gefühle in Ihrem Alltagsleben im Moment zu intensiv oder zu lange am Tag auftreten, so dass der Körper überreagiert oder andere Symptome auftreten. Jeder Mensch ist durch seine Erlebnisse und Erfahrungen in seinen Gefühlsreaktionen geprägt, reagiert also auf einiges empfindsam, ist bei anderem unempfindlich. Das zu erkennen schafft Motivation und bringt Sie sicher auf Ideen, was Sie dazuzulernen und verändern können.
Ein 3. Therapieschritt ist, dass wir mit Ihnen überlegen, was Sie lernen oder in Ihrem Alltagsleben verändern müssen, besonders in Ihrer Arbeitssituation, damit die körperlichen und gefühlsmäßigen Überreaktionen wieder weniger werden und vielleicht irgendwann nicht mehr auftreten werden.
Wir wollen Sie anregen, Fähigkeiten und Strukturen bei sich zu entwickeln, damit Sie die an Sie gestellten Anforderungen mit reduzierter oder sogar ohne Symptomatik bewältigen können.
Unsere Therapeutische Aufgabe ist es, Ihnen auf den Weg helfen,dass Sie Ihre Symptome und das Körperreagieren nicht nur als Leid erleben, dem Sie sich unkundig und damit passiv ausgeliefert fühlen, sondern dass Sie erleben lernen, dass Symptome und Körperreagieren ein Signalsystem sind,
auf das Sie selbst aktiv und verändernd einwirken können.
Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen!
Dieser psychoedukative Einstieg in die Therapie wird schnell in den Therapien mit Erleben und Bewusstwerden von Erleben gefüllt und hat sich sehr bewährt. Das Zuordnen von sogenannten „Paten“ (zwei in der Therapie fortgeschrittene Mitpatienten) und der mindestens zweimalige Austausch pro Woche mit diesen über den gesamten Therapieverlauf hilft ebenso beim Einstieg in die Therapie.
Dies intensiviert im Verlauf die Behandlung, die im Folgenden individuell nach psychodynamischer Konfliktlage, Problemkonstellation am Arbeitsplatz oder anderer sozialer Problemsituation weitergestaltet wird.
Literatur:
(1) Hentschel H-J (1999) Die Nachbetreuungsgruppe. In: Kämmerer W (Hrsg) Körpersymptom und Psychotherapie. VAS, Frankfurt/M.
(2) Hentschel H-J ( 2002) Somatoforme Störungen. Psychotherapeut 47: 152-156
(3) Hentschel H-J (2002) „Die Beschwerden sind psychosomatisch“ -Wie erkläre ich dies meinen Patienten? Niedersächsisches Ärzteblatt 9/2002
(4) Rudolf G (2006) Strukturbezogene Psychotherapie, Schattauer Stuttgart



